Wine meets Nicole Roth

30. September 2015

Die Frau, die zum Glück mehr über Wein weiß als ich.

NicoleWeinberg2Vor drei Jahren war ich im kleinen Örtchen Volkach an der Mainschleife. Das Weinfest dort hat eine besondere Bedeutung für mich, weil sich meine Eltern hier kennen gelernt haben. Ich hatte schon ordentlich gefeiert und vor mir stand eine reizende Blondine mit einem gewinnenden Lächeln, die mir jede Menge tolle Dinge über Wein, die besten Winzer in Franken und den VDP – Verband Deutscher Prädikats- und Qualitätsweingüter erzählte.

Nach einer Weile sah sie mich skeptisch an und meinte: „Oh Gott, ich erschlage Dich doch völlig mit viel zu vielen Details.“

Ich grinste und dachte mir – endlich mal eine Frau, die mehr über Wein weiß als ich. Ich antwortete: „Erzähl bitte weiter Nicole, ich höre Dir verdammt gerne zu.“
So einen Kontakt wollte ich natürlich gerne für meinen Blog nutzen und saß vor kurzem mit Nicole Roth in ihrem Weingut und lauschte erneut gespannt Ihren Ausführungen.

Ich habe das Interview in zwei Teile geteilt. Diesmal geht es um Rebsortenschmuggel, Ökologie und eine erfolgreiche Frau im Weinbau.

Brennnesselbrühe im eigenen Garten

Alexander: Fangen wir mal am Anfang an. Was macht das Weingut Roth hier in Wiesenbronn im Besonderen aus?

Nicole: Als eines der ersten Weingüter in Deutschland haben wir ökologisch bewirtschaftet und zwar komplett. Wir machen das seit vierzig Jahren und das war zu der Zeit noch viel schwieriger als heute. Damals gab es weder Präparate noch Literatur und auch keine Kollegen, mit denen wir uns hätten austauschen können.

Dadurch wurde vieles, was wir haben ausbringen dürfen, wie Brennnesselbrühen oder Gesteinsmehle noch selbst angesetzt in großen Bottichen hinten im eigenen Garten. Mittlerweile gibt es ökozertifizierte Präparate, die man kaufen und im Weinberg verwenden kann.
Im Ökoweinbau ist noch wichtiger als im konventionellen Weinbau die Erfahrung, wann Du welches Mittel einsetzt. Häufig musst Du vorbeugend arbeiten, um zu verhindern, dass ein sogenannter Schädling, Pilzbefall oder ähnliches überhaupt ausbricht oder überhandnimmt.

Alexander: Wie ist Dein Vater 1974 darauf gekommen, ökologischen Weinbau zu betreiben?

Nicole: Ausschlaggebend war damals seine Gesundheit. Er ist an Hautkrebs erkrankt und hat gemerkt, dass die Spritzmittel, mit denen er im Weinberg arbeitet, schlecht für seine Gesundheit sind. Es gab damals noch keine Ökobewegung und er wurde somit kritisch beäugt.

Sein zweiter Gedanke war die Natur zu erhalten und für die nachfolgenden Generationen weiter zu geben. Bis dahin galt der Gedanke Weinberg als Monokultur und alle Weinberge sahen „untenrum“ braun aus. Keinerlei Begrünung und jegliches „Unkraut“ wurde entfernt. Als mein Vater dann das Grün hat stehen lassen, war das hier im Ort schwierig, weil Viele gesagt haben: „Oha, wie schauen nur die Weinberge vom Roth aus! Hoffentlich gehen keine Krankheiten oder „Schädlinge“ von seinen Weinbergen auf unsere über.“

Wir haben damals sehr klein gestartet und sind mittlerweile bei über 20ha. Das war eine rasante Entwicklung. Wir sind für einen Familienbetrieb aus Franken schon relativ groß.

Ökologie als umfassender Gedanke

Mit dem Wachstum des Betriebs kamen weitere Gebäude, und dann sieht man den ökologischen Aspekt nicht nur im Weinberg, sondern auch beim Bau und bei den Baumaterialien, die wir verwenden. Wir verwenden Materialien aus der Region und beauftragen lokale Firmen. Das hört bei unseren Produkten oder den Behältnissen für den Wein nicht auf. Unsere Holzfässer sind z. B. vollständig aus Wiesenbronner Eiche.

Wir haben früher unter anderem in französischer Eiche ausgebaut, aber wir haben auch einen Wald 500m vom Weinberg entfernt, in dem die Eichen bis zu 150 Jahre stehen, bis sie gefällt werden – jede Menge Zeit um Terroir einzulagern. Das selbe Terroir also wie bei unseren Weinen, bei denen es uns ja auf das Terroir ankommt. Wir ließen uns ein paar Holzfässer aus diesem Holz machen, aus Bäumen, die zu richtigem Zeitpunkt geschlagen wurden. Und dann wurde das Holz gelagert und für uns zu Fässern verarbeitet. Wir haben festgestellt, dass uns unsere Weine in unserem heimischen Holz am besten gefallen. Da ist für uns die Harmonie am größten.

Die Rotweininsel

Alexander: Ihr seid ja auch bekannt für Euren Rotwein

Nicole: Wiesenbronn, der kleine Ort am Rande des Steigerwalds, wird auch als die Rotweininsel bezeichnet. Wir haben von der Fläche her einen Anteil von fast 50% Rotwein und haben uns damit einen guten Namen gemacht.

Alexander:  Was sind denn die wichtigsten Rotweinsorten bei Euch?

Nicole:  Als erstes Spätburgunder – eine wirklich tolle Rebsorte, wenn man mit ihr umgehen kann – und dann haben wir ein paar Cabernet-Geschichten, um einen schön fetten Wein zu machen. Das macht richtig Spaß, so einen Stil zu verarbeiten. Und dann natürlich Blaufränkisch. Das ist unsere absolute Spezialität, die gibt es in Franken fast nur bei uns, weil mein Vater den Ende der 70er gepflanzt hat.

Geschmuggelte Reben

150306_Roth_2545 Blaufränkisch GEigentlich sind in jedem Weingebiet nur die Rebsorten klassifiziert, die auf der Sortenliste stehen. Alles, was dort nicht steht, ist automatisch nicht erlaubt. Mein Vater hat damals die Jungreben aus dem Burgenland her geschmuggelt. Er hat einen Hektar angepflanzt und es hat natürlich nicht lange gedauert, bis jemand von der Regierung da stand und sagte, das müsse alles wieder raus.

Es gab ein großes Hin und her und schließlich hat sich mein Vater als innovativer Sturkopf durchgesetzt. Die Sorte blieb stehen, musste aber 25 Jahre lang im Versuchsanbau kultiviert werden.

Außerdem durfte er die Rebsorte nicht Blaufränkisch nennen, sondern es musste Lemberger auf dem Etikett stehen. Weil wir die Herkunft aus dem Burgenland aber nicht verleugnen wollten, und wir in Franken natürlich lieber eine Rebsorte haben die BlauFRÄNKISCH heißt, als Lemberger, haben wir Künstleretiketten auf den Wein gemacht. Die Künstler hatten dann immer die Vorgabe, dass das Bild für das Etikett Blaufränkisch heißen muss. Das Bild mit Blaufränkisch war dann immer vorne drauf und das offizielle Etikett mit Lemberger drauf hinten.

Weißwein

Alexander: Was sind die wichtigsten weißen Rebsorten für Dich?QED

Nicole: Silvaner, weil es einfach eine geile Rebsorte ist und man so viel daraus machen kann.

Riesling finde ich auch ganz spannend. Es gibt tolle Rieslinge bei uns, sie brauchen hier nur ein bisschen mehr Zeit. Unser Heller Berg Riesling G hat zum Beispiel gerade Gold gewonnen beim internationalen Bioweinpreis.

Außerdem mag ich gerne Burgunder, also Weißburgunder und Grauburgunder. Und ich bin in letzter Zeit auch wieder ein Scheurebe-Fan.

Als Frau im Weinbau

Nicole WeinbergAlexander: Erzähl doch noch ein bisschen mehr über dich, wie bist du zum Weinbau gekommen?

Nicole: Na ja, wenn man mit Wein aufwächst, hat auch sehr schnell damit zu tun. Ich habe eine ältere Schwester, die hat sich nicht für den Weinbau entschieden. Einen Bruder haben wir nicht, also war relativ schnell klar, dass ich das übernehmen sollte. Ich hatte natürlich eine freie Wahl. Wenn ich es nicht hätte machen wollen, dann hätte ich etwas anderes machen können.

Aber ich wollte es machen und habe zunächst ganz klassisch eine dreijährige Ausbildung zur Winzerin in Iphofen gemacht. Nach der Lehre habe ich mir gedacht: Nein, so noch drei Jahre weiter arbeiten, um irgendwann den Meister zu machen und dann ins Weingut zu gehen, das ist mir zu wenig.

Ich wollte mehr lernen, mehr erfahren, und ich wollte auch mal raus. Also bin ich zum Studium nach Geisenheim, an die einzige Fachhochschule, wo man das Fach Weinbau studieren kann und habe meinen Abschluss als Diplom-Ingenieurin für Önologie gemacht.

Im Hauptstudium habe ich mich auf Marketing und Betriebswirtschaft spezialisiert. Anschließend war ich eine ganze Zeit für eine Marketing-Agentur tätig, die viel im Eventbereich für Essen und Wein gemacht hat und viele Kochbücher produziert.

Alfredissimo

Im Zuge dessen habe ich auch 3 Jahre lang für die Show Alfredissimo mit Alfred Biolek gearbeitet. Ich war Projektleiterin und habe jede Sendung begleitet, Wein ausgesucht und Merchandising gemacht. Das war eine gute Schule, ich habe viel gelernt, viele Kontakte gemacht und noch viel mehr über Essen und Wein erfahren. Da habe ich auch Weine probiert, die ich sonst in 10 Jahren nicht getrunken hätte.

Zurück in die Heimat

Meine nächste Station war im Weinhandel, ich war Marketing- und Salesmanagerin und für den Markt in den USA zuständig. Ich habe dort auch 1,5 Jahre verbracht, um deutschen Spitzenwein zu exportieren. Meine letzte Station war dann Henkel und Söhnlein, die Sektkellerei. Dort war ich Exportmanager für komplett Amerika von oben bis unten, für den englischen Markt und fürs Duty-Free Geschäft weltweit.

Ich habe dabei gelernt auch mit großen Kunden und im Ausland zu operieren. Das war sehr spannend, aber wenn Du merkst, dass es z.B. bei den Verhandlungen mit dem Chef der Metro in Mexico nur um die letzten zwei Ziffern nach dem Komma geht, und nicht um das Produkt, dann wird es langsam Zeit nach Hause zu kommen.

Hier gibt es noch mehr Informationen zum Weingut Roth.

Alexander

About the Author

Alexander

Unterwegs im Auftrag des Weines... Die Liebe zum Wein wurde mir schon in die Wiege gelegt, als sich meine Eltern auf dem Weinfest in Volkach kennen gelernt haben. Als Kommunikationstrainer und begeisterter Netzwerker bin ich heute in der Welt unterwegs auf der Suche nach immer neuen Geschichten und feinen Köstlichkeiten.

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