60 Weine früh um halb 9 – ein Interview mit Alexander Röser

15. April 2015

Bei der Vorbereitung meines Weinseminars – Eine Reise um die halbe Welt habe ich auf Facebook ein Bild mit einer Probe von vier Rotweinen gepostet. Mein Freund Alexander Röser hat dazu forsch kommentiert:

Kindergeburtstag! Ich muss jeden Dienstag oder Donnerstag 60 Weine früh um halb 9 probieren… Da muss man als fränkisches Gewächs einfach durch.

Das wollte ich natürlich genauer wissen und habe Alexander daher um ein Interview gebeten. Er hat mir viele spannende Dinge über den „Wein-TÜV” – die Qualitätsprüfung für Weine erzählt.

Interview mit Alexander Röser

Qualitätsprüfung WeineWeinpunk: Wie kommst Du dazu, dass Du jeden Dienstag oder Donnerstag 60 Weine probieren musst.

Alexander: Jeder Qualitätswein in Deutschland benötigt eine A. P. Nummer (Amtliche Prüfungsnummer). Die A. P. Nummer besteht aus der Betriebsnummer, einer laufenden Nummer für die Prüfung und dem Jahr der Prüfung. Damit sie erteilt wird, muss jeder Wein bei der Regierung zur Prüfung angestellt werden. Für Bayern ist hierfür die Regierung von Unterfranken zuständig (ca. 99 % der Ertragsrebflächen liegen in Franken). Sie hat dafür 12 Prüfkommissionen, bestehend aus je fünf Personen und zwar eine Person vom Weinhandel, drei Personen vom Weinbauverein und ein normaler Verbraucher.

TIPP: Wenn im Supermarkt kein Jahrgang auf dem Wein steht, dann sehe ich anhand der A. P. Nummer das Jahr der Prüfung. Somit kann ich schließen, wie alt der Wein ist. Ich kann also verhindern, dass mir eine olle Kamelle angedreht wird, die schon viel zu lange im Lager stand.

Weinpunk: Wie läuft so eine Kommission ab?

Alexander: Die Weine werden der Kommission blind vorgestellt. Es werden uns lediglich der Jahrgang, die Rebsorte und das Prädikat mitgeteilt. Wir bekommen keine Lage (Ortsangabe) mitgeteilt, weil wir sonst sagen könnten, dieser Wein kommt von diesem oder jenen Winzer. Das könnte uns beeinflussen.
Das Ergebnis der fünf Personen muss einstimmig sein, damit ein Wein seine Prüfnummer bekommen soll. Sprich, wenn ein Prüfer sagt: „Nein, der ist für mich nicht qualitätstauglich.“ bekommt er seine Nummmer nicht und darf nicht als Qualitätswein verkauft werden.

Weinpunk: Was kann der Winzer dann machen?

Alexander: Der Winzer kann den Wein dann noch einmal anstellen und prüfen lassen.

Landwein statt Qualitätswein

Alexander: Alternativ kann er den Wein als Landwein verkaufen. Früher gab es dafür den Tafelwein, den gibt es mittlerweile aber nicht mehr. Heute gibt es nur noch Deutscher Wein. Das Problem ist hier, dass keine Rebsorte, kein Jahrgang und keine Lage auf dem Wein stehen dürfen. Die nächste Stufe ist dann Landwein Main. Hier darf der Winzer die Rebsorte und den Jahrgang drauf schreiben, allerdings wieder keine Lage angeben.

Weinpunk: Warum dürfen auf diesen Weinen keine genauen Angaben gemacht werden?

Alexander: Dahinter steht das Qualitätsbestreben. Würdest Du den Wein einfach als Landwein füllen und dürftest Alles drauf schreiben, dann würde keiner seinen Wein prüfen lassen.

Weinpunk: Damit wird also auch die Prüfung an sich geschützt, denn sie kostet ja Geld.

60 Weine in 75 Minuten

Weinpunk: Kannst Du mir noch etwas mehr über den Ablauf und die Dauer einer Prüfung erzählen?

Alexander: Die Prüfung fängt morgens um halb neun an. Wir prüfen zuerst Rotweine. Etwa 15 – 20 Rotweine, der Rest sind Weißweine. Die Weißweine fangen bei trocken an und werden, je weiter man nach hinten kommt, immer milder.
Das ist keine einfache Geschichte früh um 08:30 Uhr mal 60 Weine durch zu probieren in einer Stunde und 15 Minuten. Und dann halt auch noch sinnvoll zu bewerten. Klar, kommt es da auch schon mal zu Diskussionen. Es hat nicht jeder den gleichen Geschmack.

Weinpunk: In 75 Minuten 60 Weine prüfen, bist Du da nicht extrem unter Druck? Gerade, wenn Du dann mal diskutierst?

Alexander: Es gibt keine Zeitvorgabe. Eine schnelle Prüfung dauert ca. 75 Minuten, es kann aber auch mal anderthalb oder zwei Stunden gehen. Länger als zwei Stunden haben wir noch nie geprüft.

Weinpunk: Musst Du eigentlich prüfen oder willst Du prüfen?

Alexander: Ich will prüfen, aus dem einfachen Grund, dass ich sehr viel mitbekomme, wie es in anderen Kellern aussieht. Meinen eigenen Wein darf ich ja nicht mitprüfen. Es ist sehr vorteilhaft, um den ein oder anderen Gedanken oder neue Entwicklungen (Veränderungen von Rebsorten, Neuerscheinungen von Hefen) mitzubekommen. Ich probiere dann den Wein mit und denke mir: „So könnte ich den Wein auch machen.“ Das ist Inspiration für mich und ich lerne dabei auch viel.

Weinpunk: Erfährtst Du nach der Prüfung, welche Weine Du verkostet hast?

Alexander: Nein, ich habe überhaupt keine Ahnung, wessen Wein ich probiert habe. Ich darf lediglich Analyse-Werte vom Vorsitzenden der Prüfung erfragen. Z. B. wie sind die Säurewerte, wie ist der Restextrakt. So kann ich das ein oder andere noch einmal erfragen.
Wenn ein Wein ungewöhnlich schmeckt, dann kann ich auch fragen, woher der Wein kommt. Ich bekomme, dann allerdings  keine Ortsangabe. Ich erfahre lediglich, dass der Wein beispielsweise vom Untermain kommt. Dann erklärt sich der Geschmack aus der Bodenbeschaffenheit.

Ausschussquote

Weinpunk: Wie viele Weine bekommen denn in so einer Prüfung das Siegel nicht?

Alexander Röser: Im Schnitt sind das pro Prüfung 5 – 6 Weine, also ca. 10 Prozent. Das ist normal. Es gibt auch mal gute Kommissionen, wo nur ein Wein beanstandet wird. Ich habe aber auch schon mal eine Kommission gehabt, wo dann plötzlich 20 Weine drin sind, die abgeleht werden.

Weinpunk: Gibt es vom Geschmack her viel Diskussionen unter den Prüfungsteilnehmern?

Alexander Röser: Eine Kommission bleibt immer 3 Jahre zusammen. Da kennt man die Leute und Ihren Geschmack schon. Da passe ich mein Maß auch ein kleines Bisschen der Kommission an. Man spielt sich mit der Zeit ein und das läuft dann ganz angenehm.

Weinpunk: Wie lange machst Du das schon?

Alexander Röser: Das ist jetzt meine dritte Session. Also sieben oder acht Jahre.

Weinpunk: Vielen Dank für das Interview Alexander und viel Erfolg mit dem neuen Jahrgang!

 

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Weinkellerei Röser

Die Weinkellerei Röser wurde 1948 von Hans Röser gegründet und liegt idyllisch am Mainufer in der alten Weinhandelsstadt Kitzingen. Heute wird das Unternehmen in der 3. Generation von Alexander Röser geleitet. Alexander stand bereits mit 16 Jahren vor der Frage, ob er die Weinkellerei übernehmen möchte. Nach einer Expresslehre wurde er zwei Jahre später Geschäftsführer. Sogar die Bundeswehr durfte er verkürzen. Heute mit vierzig Jahren kann er schon auf über 20 Jahre Berufserfahrung zurück blicken. Nur, dass er wegen einem einzigen Tag nicht zum Gefreiten befördert wurde, bedauert er noch heute außerordentlich ;-).

4000419920025Alexander reizt an seiner Arbeit vor Allem der Verkauf. Er ist dazu oft im Außendienst unterwegs. Der Umgang mit Leuten macht Ihm viel Spaß und er geht gerne auf Messen. Jedes Jahr bringt neue Herausforderungen und kein Jahr gleicht dem Vorhergehenden.

Schwerpunkt der Kellerei ist das Erzeugen von Frankenweinen und Sekt. Die Trauben kommen aus 3,5 ha eigenen Weinbergen und weitere 14 ha von ausgesuchten Vertragswinzern. Das selektierte Lesegut wird vor Ort in eigenen Kelterstationen gepresst. Überwiegend kommen die Weine aus dem Gebiet der Mainschleife und von den Hängen des Steigerwaldes. Vermarktungstechnisch entstehen so 160.000 – 170.000 Liter Wein pro Jahr.

Wo kann ich Alexanders Wein kaufen?

4000419884013Vermarktet werden die Bocksbeutel, Bordeaux- und Literflaschen in der Gastronomie, dem Fachhandel und direkt an Privatkunden. Es gibt einen Online-Shop und jeden Freitag eine Weinprobe am Wohnmobilstellplatz in Kitzingen. Dabei hat Alexander immer 10 bis 15 Weine zum Probieren und direkten Einkauf in ausreichender Menge dabei.
Ein kleiner Teil seiner Weine wird sogar nach England, in die USA und nach Japan exportiert.

Am besten läuft dabei die Literflasche mit gut 60 %. Die restlichen 40 % verteilen sich auf den fränkischen Bocksbeutel, Bordeaux- und andere Flaschen. Es werden 82 %  Weißwein und 18 % Rotwein produziert. Das Angebot umfasst zahlreiche bekannte Rebsorten wie Müller-Thurgau, Silvaner, Bacchus, Kerner, Riesling (alle weiß) sowie Domina, Dornfelder, Schwarzriesling (alle rot) und natürlich auch Rotling.

 

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Alexander

About the Author

Alexander

Unterwegs im Auftrag des Weines... Die Liebe zum Wein wurde mir schon in die Wiege gelegt, als sich meine Eltern auf dem Weinfest in Volkach kennen gelernt haben. Als Kommunikationstrainer und begeisterter Netzwerker bin ich heute in der Welt unterwegs auf der Suche nach immer neuen Geschichten und feinen Köstlichkeiten.

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