Wer fickt meinen Wein? – 6 Lernstrategien für neue Fachgebiete

10. Dezember 2015

Wein!

Nicht schon wieder.

Ich kann nicht mehr. Ich will nicht mehr. Manchmal ist das Leben eines professionellen Trinkers sehr hart. Am Samstag erst eigenes Weinseminar, danach noch zur Party Winevibes. Am Sonntag dann mit der Familie ins wunderbare französische Lokal 3 minutes sur mer. Dort jede Menge leckerer Sancerre.

Und heute am Montagmorgen? Die Weinpräsentation Passion Terrior mit über 50 Winzern aus Frankreich und mehr als 200 Weinen zum Verkosten. Ich will gar nicht aufstehen. Hatte ich erwähnt, dass wir gestern noch in der Newton Bar waren? Zweimal!

Aber ich bin mit Freunden und dem Sommelier eines feinen Berliner Restaurants verabredet. Also schwinge ich mich auf und mache mich fertig. Ich hab zwar noch keine Ahnung, wie ich Wein probieren soll, wenn ich nichts trinken mag. Doch das wird schon.

„Kannst ja spucken“ bekomme ich den wenig hilfreichen Rat meines Nachbarn. „Ich mag noch nicht mal Wein im Mund haben!“

Ich rufe Mark an, ob es bei unserem Treffen um halb elf bleibt und bekomme eine Absage. Irgendwas von „äh, ja ich hab noch so viel zu tun und wünsche Dir viel Spaß. Robert kommt ja mit.“

Ich rufe Robert an und… bekomme eine Absage „äh, ja ich hab noch so viel zu tun und wünsche Dir viel Spaß. Trink nicht so viel!“
Meinen internen Dialog zitiere ich jetzt mal lieber nicht…

Unnötig zu erwähnen, dass der Sommelier auch nicht da war. Ihm waren im Restaurant zwei Mitarbeiter ausgefallen.

Eine Stunde später stehe ich im Pauly Saal und bin erschlagen. Ein riesiges Gewusel. Unzählige Menschen drängen sich mit Weingläsern durch schmale Gänge von Stand zu Stand. Keine Möglichkeit sich einen Überblick zu verschaffen und weit und breit kein ruhiges Örtchen, wo ich mal verschnaufen kann.

Champagner

Ich starte mit Champagner. Natürlich, womit denn sonst. Vier unterschiedliche Flaschen gibt es mit Preisen zwischen 44,50 € und 159,00 €. Alle Schaumweine sind aus Chardonnay gekeltert und unterschieden sich „nur“ hinsichtlich Lage des Weinbergs und Ihrem Alter.

Ja, sie schmecken unterschiedlich und fein. Aber wo jetzt der Preisunterschied von mehr als 100 € herkommt, erschließt sich mir nicht so richtig.

Es geht weiter zum nächsten Stand. Wieder vier Flaschen und wieder alles Chardonnay. Champagner wird nun mal nur aus den drei Rebsorten Chardonnay, Petit Meunier (Schwarzriesling) und Pinot noir (Spätburgunder) hergestellt. Und ganz selten mal aus Pinot blanc (Weißer Burgunder).
Nur eine Spanne von 45 € diesmal, aber ich bin weiter überfordert und definitiv eher frustriert, als angeregt.

Ich überlege gerade mein Glas abzugeben und nach Hause zu gehen. Immerhin steht am Abend noch ein weiteres Familienessen (mit noch mehr Wein) an.

Doch plötzlich steht ein bezauberndes Wesen neben mir. Eine charmante, zauberhafte Blondine probiert sich angeregt durch das Programm und ich beschließe, dass es hier doch nicht so schlecht ist. Manchmal braucht ein Mann eben ein bisschen Hilfe vom Fortpflanzungstrieb um ins Arbeiten zu kommen.

Ich verweile noch eine kleine Weile bei den Champagner-Ständen und fange dann endlich an mir meinen eigenen Plan mit dem Prospekt zu machen.

Weiß oder Rot? Was trinkst Du am liebsten?

Seit einiger Zeit trinke ich lieber Weißwein. Also warum nicht auf die Spur des Sancerres vom letzten Abend gehen. Sancerre wird aus Sauvignon blanc hergestellt und das war eh lange meine liebste weiße Rebsorte. Ich lasse also alle Chardonnays links liegen und mache mich auf die Suche nach Winzern mit Sauvignon blanc.

Die Liste wird merklich kürzer. Aber wenn ich schon mal an einem Stand bin und ein Winzer neben Sauvignon blanc auch Chenin blanc hat, dann kann ich den doch auch gleich verkosten.

Oder doch das Gegenteil? Was mochtest Du bisher gar nicht?

Am folgenden Stand gibt es dann auch einen Rotwein aus Pinot noir. Pinot noir wird auch in meiner Heimat Unterfranken fleißig angebaut und ich mag ihn ehrlich gesagt nicht. Für mich hat er oft einen komischen Geruch und ist mir zu dünn. Bis zur sicher vorhandenen Eleganz komme ich oft nicht.

Warum sollte ich also jetzt gerade Pinot noir versuchen? Weil es manchmal genau das Richtige ist, sich mit dem auseinander zu setzen, was man nicht mag.

Riechen tut er schon mal deutlich anders, der Franzose und es fällt mir deutlich leichter die Eleganz dieses Weines zu schätzen. Aber dafür ist in dieser Menschenmenge einfach nicht der richtige Ort. Dafür brauche ich Ruhe und Zeit.

Ich setze also im Kopf eine reine Pinot noir Weinprobe für mich an und natürlich werde ich dort auch fränkische Weine mit rein nehmen. Es lohnt sich doch so oft mit Vorurteilen und alten Generalisierungen auf zu räumen.

Die Verkostung ist in zwei Räume aufgeteilt und auf dem Weg zum nächsten Raum steht in der Ecke eine lange Bank. Also doch noch ein ruhiges Plätzchen!
Ich setze mich und studiere in Ruhe das Programm. Nach dem holprigen Einstieg habe ich so langsam die regionale Aufteilung der Stände und damit in gewisser Weise auch der Rebsorten verstanden.

Die Suche nach dem Außergewöhnlichen

Ich suche nach Besonderheiten im Programm. Ich suche nach Weinen, die durch Ihre Rebsorten oder auch Ihre Namen auffallen.

Mir springt beispielsweise ein Sangiovese ins Auge. Sangiovese wird vor allem in der Toskana in Italien angebaut. Ich liebe Brunello di Montalcino und der wird aus Sangiovese gemacht. Entsprechend gespannt bin ich und natürlich will ich wissen, wie das Weingut darauf kam, diese Sorte anzubauen.

Das Weingut hat einen italienischen Önologen und wollte etwas Besonderes schaffen. Geschmacklich kann er mit meiner Erwartung nicht mithalten, aber freue mich über die Experimentierfreude der Winzer.

Méphisto heißt der nächste Wein, der mich reizt. Ein tolles Etikett, ein teuflisch guter Name, ein smarter Winzer und ein passabler Wein aus Cabernet Franc. Ein großartiger Wein verdient einen großartigen Namen. Aber ein spannender Name macht noch keinen spannenden Wein.

Wer fickt meinen Wein?

Dafür überzeugt mich der Jurancon noir am nächsten Stand. You fuck my wine heißt das gute Stück von Fabien Jouves und wer behauptet eigentlich noch, dass Franzosen kein Englisch können. Vin de soif steht noch auf der Flasche und das ist wirklich ein Wein für den Durst. Ich bin begeistert!

Am gleichen Stand gibt es auch jede Menge Malbec. Malbec ist eine Rebsorte, die viel in Argentinien angebaut wird, aber aus Frankreich stammt. Französische Malbec kannte ich noch gar nicht und war also neugierig, wie mir die Rebsorte aus Ihrem Heimatland schmeckt. Mit einem ganz dunklen lila, fast schwarz liegt der Wein in meinem Glas und ich kann nur sagen: „Lecker!“ Ein feines Pflaumenaroma in der Nase mit einem Hauch von Tabak. Im Geschmack dann eine tolle Frucht mit schöner Mineralik.

Ich hangle mich also vom Bekannten oder Besonderen ausgehen durch das Angebot und bin sehr zufrieden. Ich habe viel gelernt und komme so langsam zum Ende.

Elsass – the final frontier

Ein letztes Gebiet möchte ich mir noch ansehen. Das Elsass nimmt eine besondere Stellung in Frankreich ein. Viele Rebsorten, die in großem Maße in Deutschland angebaut werden, sind nur dort erlaubt und dürfen im Rest Frankreichs nicht angebaut werden.

In diesem Jahr habe ich viel über die deutschen Weingebiete gelernt und vor allem viel Riesling getrunken. Es gibt auch nur zwei Winzer aus dem Elsass und ich bleibe bei Céline Meyer hängen. Alexander und die Frauen…
Sie hat feinen Riesling, tollen Pinot gris (Grauer Burgunder) und leckeren Gewürztraminer. Ein würdiger Abschluss, dem sogar eine Einladung ins Elsass folgt. Ich freue mich drauf.

Fazit – Was habe ich gelernt?

  1. Vorauswahl in großen Schritten – weiß oder rot?
  2. Mach das Beste daraus – Was kenne ich schon? Sauvignon blanc!
  3. Wenn ich schon mal hier bin – dann kann ich auch Chenin blanc und Pinot noir probieren.
  4. Was mag ich nicht? Warum genau nicht? Wo kann ich ein altes Vorurteil hinterfragen?
  5. Überlappende Motivation – Wenn der Wein nicht reizt, dann lockt das Weib!
  6. Hauptsache Spaß – If it’s not fun, what is the point?
Alexander

About the Author

Alexander

Unterwegs im Auftrag des Weines... Die Liebe zum Wein wurde mir schon in die Wiege gelegt, als sich meine Eltern auf dem Weinfest in Volkach kennen gelernt haben. Als Kommunikationstrainer und begeisterter Netzwerker bin ich heute in der Welt unterwegs auf der Suche nach immer neuen Geschichten und feinen Köstlichkeiten.

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